Der migrationspolitische Debattenpodcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung
Im Dezember 1955, vor 70 Jahren, schloss Deutschland mit Italien das erste Anwerbeabkommen zur Arbeitsmigration ab. Damit begann die Ära der Gastarbeit. Ein bedeutsames Ereignis, dennoch erinnert kaum jemand an die Geschichte der italienischen Einwanderung. Sie kommt weder im offiziellen Gedenken vor, noch in den migrantisch-situierten Erinnerungspraktiken. Warum es sich lohnt an diese Geschichte zu erinnern, darüber spricht der ManyPod mit Cristina Raffaele und Aurora Rodonò, beides ausgewiesene Kennerinnen der Migrationsforschung und beide Töchter italienischer Gastarbeiterfamilien.
Cristina Raffaele ist Doktorandin an der Universität Bielefeld und promoviert zu Erfahrungen mit Sprache(n) und Sprechen in Integrationskursen. Sie arbeitet rassismuskritisch und migrationspädagogisch zu migrationsgesellschaftlicher Mehrsprachigkeit, (Erwachsenen-)Bildung und (staatlich-)institutionellen Machtverhältnissen. Seit 2021 ist sie Teil der Redaktion des Postmigrantischen Radios und publiziert u. a. in Texte nach Hanau und im narratif magazin.
Aurora Rodonò, Kuratorin für Migrationsgeschichte/Stadtmuseum Berlin. Zuvor hat sie am Rautenstrauch-Joest-Museum (Köln), an der Universität zu Köln, bei der Akademie der Künste der Welt Köln und beim DOMiD – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland gearbeitet.
Shownotes:
Online-Dossier: 70 Jahre „La Deutsche Vita“. Ein Blick auf verdrängte Auseinandersetzungen mit italienischer Migration.
Ausstellung: Makkaroni Akademie: Makkaroni Settanta – Esperimento collettivo
Verein: TESORO. Für die Aufarbeitung des Leids illegalisierter migrantischer Familien
Ausstellung: Projekt Migration 2005
Artikel: Massimo Perinelli: Gastronomie des Widerstands. Wie migrantische Esskulturen die BRD durcheinander brachten
Buch: Lorenzo Annese: Vita da Gastarbeiter. Von Apulien zu VW in Wolfsburg
Am 23. November 1992 wurden im niedersächsischen Mölln zwei rassistische Brandanschläge verübt, die Mädchen Ayse Yilmaz und Yeliz Arslan sowie ihre Großmutter Bahide Arslan starben durch das Feuer. Hunderte von Solidaritätsbekundungen gingen damals bei der Stadt Mölln ein. Statt sie den Familien auszuhändigen, wurden die Briefe 30 Jahre im Stadtarchiv gelagert. Der Film „Die Möllner Briefe“ thematisiert diesen Skandal vorenthaltener Solidarität und den Umgang der Familie damit.
Darüber spricht der ManyPod mit Ibrahim Arslan, der den Anschlag als 7-Jähriger überlebte und seit 20 Jahren um ein würdiges Gedenken und ein antifaschistisches Erinnern kämpft.
Instagram: Reclaim & Remember
Realfiction: Die Möllner Briefe (Martina Priessner 2025)
Artikel: Reclaim and Remember: Die NSU-Tribunale als solidarische Gerechtigkeitspraxis
Website: Möllner Rede im Exil
Vor 10 Jahren erkämpften sich eine Million Menschen einen Korridor quer durch Europa auf der Flucht vor den Kriegen in der arabischen Welt und lösten hierzulande dadurch eine beispiellose Solidarität aus.
Diese Geschichte vor 10 Jahren, aus dem sogenannten Sommer der Migration, erscheinen heute wie aus einer anderen Welt. Aber trotz faschistischer Formierung in den Straßen und den Parlamenten geht der Kampf der Geflüchteten und die Solidarität weiter.
Darüber spricht der ManyPod mit Hassan Nugud von We’ll Come United und mit der Aktivistin und Grafikerin Tanja van de Loo aus Hamburg.
Hassan Nugud kommt aus dem Sudan und lebt seit 2015 in Deutschland. Er arbeitet als Sozialarbeiter und Projektkoordinator in der unabhängigen Beratung für Geflüchtete mit Behinderungen und/oder chronischer Erkrankung. Er ist aktiv im Netzwerk We’ll Come United, im Sudan Club e. V., im Vorstand von Handwerker für Darfur und bei Sudan Uprising Germany.
Tanja van de Loo arbeitet in Hamburg im internationalen Bildungszentrum Dock Europe in der Fux-Kaserne. Sie gestaltet als Grafikerin und Aktivistin seit den 1990er Jahren Plakate, Kampagnen und Selbstorganisierungsprozesse. In Folge des „Summer of Migration“ organisierte sie u. a. 2016 die International Refugee Conference „The Struggle of Refugees – How to go on“ auf Kampnagel in Hamburg mit, beteiligte sich intensiv im Netzwerk Welcome United mit den Paraden 2017 / 18 / 19 und dann ab 2020 in der Initiative 19. Februar Hanau.
Karawane, Aktionstag, Parade „We’ll Come United“, 2025, Thüringen und Berlin
Konferenz „The Struggles of Refugees“, 2016, Kampnagel Hamburg
Konferenz „Welcome2Stay“, 2016, Leipzig
Abschlusserklärung des Solidarischen Migrationsgipfel, 2025, Berlin
Organisation „No Lager Osnabrück“
Organisation / Netzwerk Lampedusa in Hamburg
Netzwerk Alarmphone – Hotline for Boatpeople in Distress
Internationales Netzwerk Solidarity City
Organisation / Initiative 19. Februar Hanau
Fotoarchiv Welcome United Parade, 2018, Hamburg
Bildarchiv Parade Power Block der #unteilbar Demonstration, 2019, Dresden
Zunehmend extremer bestimmt ein entfesselter Rassismus den hiesigen medialen Diskurs und die politischen Debatten. Oder bestimmt der mediale Diskurs den hiesigen Rassismus? Im ManyPod spricht Gilda Sahebi über Rassismus, Herrschaftsstrategien, die autoritäre Wende und was wir dem entgegensetzen können.
Gilda Sahebi ist Politikwissenschaftlerin, Ärztin und Autorin und arbeitet als freie Journalistin für viele Printmedien wie etwa «taz» oder „Spiegel“. Sie ist außerdem häufiger Gast in Talkshows, Podcasts und spricht auf zahlreichen Bühnen. Über hunderttausend Menschen folgen ihren Social-Media-Kanälen, auf denen sie tagtäglich das politische Geschehen in Deutschland, aber auch international kommentiert.
Ihre neueste Publikation trägt den Titel „Wie wir uns Rassismus beibringen? Eine Analyse deutscher Debatten“ und ist 2024 im S. Fischer Verlag erschienen.
In dieser Folge geht es um das Europäische Asylsystem GEAS, das 2026 in Kraft tritt. Wie verletzt diese neue Dimension der Europäischen Grenzschließung grundsätzliche Menschenrechte? Was bedeutet es für eine Demokratie, wenn sie die Grundrechte an ihren Grenzen aussetzt – wie wirkt das nach innen? Und wie können Grenzen demokratischer gestaltet werden für eine offene und solidarische Gesellschaft?
Zusammen mit Franziska Albrecht spricht der ManyPod mit den vier Expert*innen Maura Magni, Emily Barnickel, Lea Reisner und Frank Wolff.
Maura Magni, Politikwissenschaftlerin, Rechtsberatung für Geflüchtete beim UNHCR, Campaignerin gegen Rassismus bei Campact. Aktuell Leitung im Projekt Moving Cities. Aktivistisch in der Refugee Solidarity Bewegung und bei Seebrücke.
Emily Barnickel, gelernte Sozialarbeiterin, Flüchtlingsrat Berlin in der Härtefallberatung, politische Lobbyarbeit zum Thema Abschiebungen, soziale Rechte / Diskriminierung durch das AsylbLG und Unterbringung, insbesondere zum Flüchtlingslager Tegel. Engagiert im Bündnis „Bezahlkarte stoppen!“.
Frank Wolff, Historiker, Privatdozent der Universität Osnabrück, Mitarbeiter der Willy Brandt Stiftung. Publikation „Hinter Mauern – Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschaft“ (mit Volker Heins) zum Zusammenhang äußerer Grenzabschottung und Abbau demokratischer Strukturen im Inneren.
Lea Reisner war Kandidatin für die Partei Die Linke im Europawahlkampf. Sie bezeichnet sich als Krankenpflegerin mit Armutserfahrung, Feministin und Antifaschistin, Engagiert in der Geflüchtetensolidarität, 2017 in der Seenotrettung auf dem Mittelmeer, aktivistisch bei „Jugend rettet“, Sea Watch und Seebrücke.
Frank Wolff, Volker Heins: Hinter Mauern. Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschaft. Suhrkamp 2023.
Frank Wolff: Die Mauergesellschaft. Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961–1989. Suhrkamp 2019.
Initiative „Bezahlkarte stoppen!“
The Militarization of EU Borders
Atlas der Migration / Sammlung zum Atlas der Migration
Die GEAS-Reform und das Abschottungslabor Griechenland
Dossier „Gesellschaft der Vielen“
Massimo Perinelli: Messer, Merz und Migration
Rebecca Gotthilf: Perspektivwechsel jetzt!
Border Forensics / Grenzfalle Nafor Melilla / Fire in Moria
Projekt „Moving Cities“
Video: Der Umzug: Wie die Klimakatastrophe zu Fluchtbewegungen führt
In dieser Folge geht es um das Verhältnis der Linken zur Frage der Migration. Denn die Partei scheint sich auch nach dem Weggang von Sahra Wagenknecht und ihrer Ressentiment-geladenen Rhetorik schwer zu tun mit dem Thema. Viele migrantische oder postmigrantische Akteure und Initiativen scheinen enttäuscht, gleichzeitig äußern sie aber auch Erwartungen und knüpfen Hoffnung an die Erneuerung der Partei.
Der ManyPod fragt deshalb die Bundestagsabgeordnete der Linken Clara Bünger und die Migrationsforscherin Manuela Bojadžijev: „Ist die Linke noch zu retten? Und wie können Postmigrantische Strategien für eine linke Politik auf der Höhe der Zeit aussehen?“ Es geht also um die komplizierte Beziehung zwischen Linker Politik und migrantischen Perspektive, Interventionen und Realitäten.
Manuela Bojadžijev ist Professorin für Migration am Institut für Europäische Ethnologie an der HU Berlin. Sie ist Mitinitiatorin des Projekts „Transforming Solidarities“, in deren Rahmen die „Berliner Erklärung zur Verteidigung der Migrationsgesellschaft“ entstanden ist.
Clara Bünger ist Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke. Sie ist Volljuristin, arbeitete in einer internationalen Menschenrechtskanzlei und leistete Rechtsberatung für die Refugee Law Clinic.
Clara Bünger auf Instagram
Berliner Erklärung – In Verteidigung der Migrationsgesellschaft
Lesehinweise:
Massimo Perinelli: Messer, Merz und Migration
Volker M. Heins, Frank Wolff: Hinter Mauern. Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschaft. Berlin 2023
Gespräch mit Clara Bünger und Bernd Kasparek: Die GEAS-Reform als Kipppunkt? Abschottung und autoritäre Wende im neuen „Asylkompromiss“. In Luxemburg, Oktober 2023
Dossier „Gesellschaft der Vielen“